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Alles ist neu

Lange ist es her, wenn ich mir das Datum meines letzten Eintrages ansehe und es ist wohl viel passiert. Doch leider kann ich mich nicht erinnern, was passiert ist. Ich hatte einen Reitunfall, genauer gesagt hatte ich eine Kollision mit einem Ast – sagte man mir jedenfalls. Als ich wach wurde lag ich in den Armen eines mir vollkommen fremden Mannes, der sehr besorgt auf mich nieder sah. Auf meiner anderen Seite kniete ein mir ebenfalls unbekannter, älterer Mann und sah genauso besorgt auf mich nieder. Ich musste mich schwer übergeben und danach stellte mir der ältere Herr, der mir später als Götz von Elbing vorgestellt wurde, merkwürdige Fragen, nachdem ich dann doch mal den netten Mann, in dessen Arm ich lag, fragte, wer er denn sei. Er stellte sich als James MacBryan vor. Nachdem Götz mir diverse Fragen gestellt hatte, war dann wohl klar, das ich mein Gedächtnis verloren habe und meine letzte Erinnerung die ist, wo ich mit Toni in der Kutsche nach Solan saß und das ist nun schon vier Monate her. Vier Monate die mir einfach fehlen und an die ich mich nicht erinnere. Ich erinnere mich an kein Gesicht, an keinen Ort hier, alles ist so fremd für mich, das es schon fast beängstigend ist. Aber James ist doch ein ziemlicher netter Mann und nahm mich vorn auf seinem Pferd mit, das Schnucki heißt. Ist das nicht ein süßer Name? Und sie ist auch ein wahrer Schatz. In Nordika angekommen, so heißt der Ort an dem ich wohne, ritten wir zu einer Festung, wo ich wohl auch gelebt habe eine ganze Zeit. Und Götz gab mir ein Zimmer und auch James bekam eins, direkt neben mir. Ich bin dann recht schnell schlafen gegangen, denn mein Kopf schmerzte höllisch und mir war schwindelig und übel. Nach so einem Schlag auf den Kopf wohl auch kein Wunder. Ich hab mir die Beule angesehen heute Morgen und die ist schon nicht von schlechten Eltern.

Später als ich wach wurde – und ich wurde wegen sehr merkwürdiger und auch anregender Träume von dem fremden Schotten wach -  hab ich mich dann durch den Flur gepatscht und da wurde dann auch die Kaminzimmertür aufgerissen und ich fiel wieder mal James in die Arme. Das war schon peinlich, das ich ihm am selben Tag zweimal vor die Füße falle, er muss ja einen guten Eindruck von mir haben. Falk sah ich dann auch und es war eine Freude wenigstens ein bekanntes Gesicht zu sehen. Und gut sieht er aus, die Jahre haben ihm nichts anhaben können. Er verabschiedete sich weil er müde war und ließ mich mit James alleine im Raum. Wir unterhielten uns eine weile und machten einen Rülpswettbewerb. Ich zeigte ihm den Ring an meinem Finger, den ich mit Überraschung dort entdeckt hatte, da es nicht mein Ehering ist, wie ich ihn kenne. Ich wusste nicht woher der Ring stammte, aber ich hatte das Gefühl das er mir sehr viel bedeutet, auch wenn er mir zu groß ist. Später hatte ich ein kurzes Aufflackern einer Erinnerung? Ich sah das der Ring vormals an einer Kette um den Hals getragen wurde, aber leider konnte ich das Gesicht nicht sehen und das Bild war nur den Bruchteil einer Sekunde da und schon weg, ehe ich es richtig greifen konnte. Ich war ein bisschen irritiert über James, der stocksteif neben mir saß und ständig mit dem Kiefer knirschte und ich fragte mich, ob ich etwas falsch gemacht habe. Ich fragte ihn dann nach seiner Frau aus, weil er ebenfalls einen Ring trägt, doch er sagte mir, das er darüber nicht reden wollte, was ich natürlich akzeptierte und mich entschuldigte, das ich in Wunden bohrte. Er sagte mir auch, das wir uns wohl nur flüchtig im Dorf schon begegnet sind und ich glaubte ihm, da ich mich ja nicht an ihn erinnere, auch wenn ich gestehen muss, der konzentrierte Gesichtsausdruck von ihm kam mir bekannt vor, ich sah diesen Ausdruck in meinem Traum, allerdings in anderer anatomischer Position nämlich über mir. Das überraschte mich dann schon, denn woher sollte ich diesen Ausdruck kennen, wenn ich ihn nicht schon mal so gesehen hatte? Also konnten meine Träume vielleicht gar keine Träume gewesen sein, sondern flüchtige Erinnerungen?

Ich gebe zu, mein heftig schmerzender Kopf machte mir das nachdenken nicht wirklich leichter und so dachte ich auch nicht weiter darüber nach, doch heute ist mir einiges klarer, doch dazu später mehr. James meinte dann, das ich mich ausruhen sollte und hob mich auf seine Arme und trug mich in mein Zimmer. Ich mein, ich hätte auch laufen können, ich hab den Weg dahin ja auch zu Fuß zurückgelegt, aber ich muss gestehen, das mir der Gedanken von ihm getragen zu werden gefiel, so das ich mich auch nicht weiter dagegen wehrte. Im Zimmer angekommen setzte er mich auf dem Bett ab und ich bat ihn noch meine Schnürung des Kleides zu öffnen, da ich niemanden mehr wecken wollte um es zu tun. Als er das tat und meine Haut berührte, bekam ich einen wohligen Schauer und Gänsehaut und war ganz froh wie er dann auch wieder aus dem Zimmer ging. Ich hörte ihn kurze Zeit später sein Zimmer wieder verlassen und erst heute morgen, kurz vor Sonnenaufgang kam er wieder. Er hat sich bemüht leise zu sein, aber ich war wach und habe ihn deswegen gehört. Ich selbst habe nur die halbe Nacht geschlafen, da mich wieder recht anregende Träume von James weckten. Ich wusch mich und zog mich um und packte mich warm ein mit 2 Kleidern und 2 paar Socken, da ich vernahm, das ich wohl eine Lungenentzündung habe. Der Kopf schmerzte immer noch, auch wenn es schon besser war. Wenigstens der Schwindel ist weitgehend weg. Eher zufällig stolperte ich über dieses Buch hier auf dem Schreibtisch und als ich las, das es mein Tagebuch ist, habe ich mich natürlich gleich bequem hingesetzt und es gelesen, denn wenn ich mich schon nicht selbst erinnere, so hoffte ich doch, das ein oder andere in meinem Kopf wieder zu finden, wenn ich es lese und wenn nicht, so wenigsten zu lesen, was ich die vergangenen Monate so getan habe. Es ist beängstigend wenn eine so lange Zeit in dir fehlt und du dich nicht erinnerst was passiert ist. Ich wollte so wenigstens erfahren, was ich erlebt habe in der Zeit.

Und ich war nicht wenig überrascht über das was ich las. Stellte sich doch heraus, das der vermeidliche Fremde James in Wirklichkeit mein Ehemann ist. Und das diese Ehe unter sehr kuriosen Bedingungen geschlossen wurde und das wir uns davor schon nicht besonders gut verstanden haben (ich empfand ihn als unzivilisierten Barbaren – etwas das ich nicht mehr nachvollziehen kann irgendwie) und danach noch weniger. Ich las auch, das ich ihn wohl sehr liebte und das ich ihn fortgeschickt habe aus meinem Leben, weil er mich eben nicht liebte. Es betrübte mich zu lesen, wie traurig die letzten Einträge waren und ich war wohl voller Schwermut und spielte auch mit dem Gedanken meinem Leben ein Ende zu setzen, nachdem er fort war von mir. Ich fühle keinerlei Schwermut in mir nun und kann das irgendwie nicht so recht nachvollziehen was da genau passiert ist. Aber es muss für beide Seiten sehr schlimm gewesen sein, wenn ich nach dem gehe, was ich gelesen habe. Wir wohnten wohl auch nicht hier in der Festung, sondern in der Taverne in Nordika und James hat ein Grundstück gekauft, auf dem er uns ein Haus bauen wollte. Ich hab versucht eine Linie zu finden, ab wann sich alles so verändert hatte, aber es war mir nicht möglich. Als ich geendet hatte habe ich bestimmt eine Stunde lang krampfhaft versucht mich zu erinnern, an irgendetwas. Ein flüchtiges Bild hätte mir schon gereicht, doch es kam nichts außer dieser Schwärze in meinem Kopf. Und die Träume, die dann wohl keine Träume sondern Erinnerungen sind. Es fehlt auch eine Seite aus dem Buch, sie ist herausgerissen, doch ich weiß nicht was darauf stand oder was damit passiert ist (Off-Anmerkung: Das ist die Seite mit dem Brief gewesen). Ich war wohl ziemlich verzweifelt, wenn ich mir den letzten Eintrag so anschaue. Und ich weiß nicht, ob es nicht gut ist, das ich mich nicht erinnere.

Ich ging dann, nachdem ich vergeblich auf die Erinnerungen gehofft und gewartet hatte, nach unten und orientierte mich und traf auf Mathilda, die Festungs-Fee und ging mit ihr in die Küche, wo ich einen Apfelkuchen backte. Ich backte ihn vor allem für James, auch wenn ich nicht weiß, warum ich unbedingt einen Apfelkuchen für ihn backen wollte. Die Kerne der Äpfel sammelte ich in einer Schale, da wir am Vorabend über einen Apfelkernweitspuckwettbewerb gesprochen hatten. Der Kuchen war grad fertig und abgekühlt und ich schnitt 2 große Stücke für James ab und wollte sie ihm bringen, doch da stand er auch schon in der Tür und ich wünschte ihm fröhlich einen guten Morgen, denn egal was auch zwischen ihm und mir vorgefallen ist in der Vergangenheit, ich kann mich nicht daran erinnern, und solange ich das nicht kann, werde ich ihn so behandeln, wie er das verdient, nämlich freundlich, liebevoll und sanft. Ich werde ihn behandeln wie jeden anderen und noch besser, im Anbetracht der Umstände. Wir setzten uns hin und er aß den Kuchen und ich darf voller stolz behaupten, das es ihm geschmeckt hat.  Danach packte ich mich warm ein, was dann auch für Lacher bei ihm gesorgt hat, da er wohl fand ich sah aus wie ein Wollknäuel, aber was soll’s, Hauptsache warm, mit einer Lungenentzündung sollte man ja nicht spaßen. Ich holte noch 2 Flaschen Wein und dann gingen wir in den Hof an die Begrenzungsmauer. Nachdem er sich dann auch wieder beruhigt hatte (er hat mich ganz schön ausgelacht und ich fand es toll ihn so lachen zu sehen und musste mitlachen, weil es so ansteckend ist, wenn er lacht. Hat er früher auch so gelacht? Ich wünschte ich könnte mich daran erinnern) spuckten wir also die Kerne und ich dachte ja schon, ich sei eine Meisterin darin, aber James schlägt mich da um längen. Es war schön so ausgelassen mit ihm da zu sitzen und so blödsinnige Dinge zu tun. Ich glaube, wenn ich nach dem gehe, was ich gelesen habe, das wir nicht viel Ausgelassenheit hatten miteinander und das er mich so nicht kennt. Nachdem wir alle Kerne verspuckt hatten, erklärte ich ihm das 2. Spiel, das ich sorgsam gewählt habe. Das „Ich-hab-noch-nie-Spiel“. Dabei stellt einer eine „Ich hab noch nie“ Behauptung auf, egal ob sie gelogen ist. Haben die Mitspieler das schon mal gemacht, müssen sie trinken, inklusive dem Behauptungsaufsteller. Haben sie es noch nicht gemacht, dann trinken sie nicht. Ich habe mir die entscheidende Frage sehr gut überlegt und musste mir den Rest wirklich stark ausdenken, doch nachdem ich sah, das James den Alkoholpegel schon langsam am überschreiten war, habe ich dann ganz unverhohlen die Behauptung aufgestellt: „Ich hab noch nie meine Frau belogen, die sich nicht an mich erinnert, und gesagt sie ist eine Fremde und nicht meine Frau“. Er wurde blass und rutschte ruckartig von der Mauer und wollte zur Arbeit. Ich bat ihn zu bleiben und drückte ihn gegen die Mauer, denn er torkelte stark und ich wollte nicht das er umkippt. Es dauerte eine ganze Weile ehe er etwas dazu sagte und er fragte mich, seit wann ich das wüsste. Und ich erklärte ihm das ich das Tagebuch gelesen habe. Er entschuldigte sich bei mir, das muss er doch gar nicht. Ich glaube, ich bin diejenige die sich entschuldigen muss, auch wenn ich mich nicht daran erinnern kann, was ich getan habe. Er drückte mich kurz an sich und ich war überrascht, doch dann drückte ich ihn auch sachte, doch er löste sich schon wieder und entschuldigte sich abermals dafür. Dabei hat er nichts zu entschuldigen und ich kann allenfalls erahnen, wie schwer die Situation für ihn ist. Wir sprachen dann noch kurz darüber wie wir das weiter handhaben, denn ich bin ja nun mal seine Ehefrau, auch wenn ich mich nicht daran erinnere und ich denke, es sieht dumm aus für die anderen, wenn mein eigener Mann ein Zimmer weiter schläft. Doch er wollte es so belassen, weil wir uns kennen lernen sollten, weil wir eine sehr plötzliche Hochzeit hatten. Vielleicht schlafen wir dann nächste Nacht in einem Zimmer und einer von uns schläft auf dem Boden. Er ist mein Mann, ja, aber er ist mir auch vollkommen fremd und ich weiß nicht, ob ich neben einem mir vollkommen Fremden schlafen kann in einem Bett, selbst wenn er mein Mann ist. Für mich ist das so, als hätte ich ihn gerade erst kennen gelernt. Ich brachte ihn dann in sein Zimmer und in sein Bett und ließ ihn schlafen und sitze nun hier am Fenster und verfasse diesen Eintrag.

Es ist eine wirklich schwierige Situation und ich glaube für James ist sie am schwierigsten. Er hat eine Ehefrau an seiner Seite, die ihn nicht kennt und nicht einmal wusste, das sie mit ihm verheiratet ist. Ich denke, das ist der Grund, warum er so heftig mit dem Kiefer knirschte am Vorabend. Es muss sehr schwer für ihn gewesen sein, die Sache nicht aufzuklären, mir nicht zu sagen, das wir verheiratet sind. Ich kann ihn aber gut verstehen und bin ihm auch dankbar das er es nicht getan hat und das ich es selbst herausfinden konnte um mich an den Gedanken zu gewöhnen. Trotzdem ist die Situation mehr als kompliziert. Ich lausche in mich, die ganze Zeit und versuche zu ergründen, ob ich irgendwie Gefühle für ihn habe, denn laut eigener Aussage im Tagebuch habe ich ihn ja sehr geliebt. Ich mag ihn sehr, wirklich das tue ich und ich mag es wenn er lacht und ich mag sein Grinsen. Ich bin sehr gern in seiner Nähe und freue mich wenn wir die Zeit miteinander verbringen. Ich lache gern mit ihm und ich finde ihn auch recht anziehend. Aber Liebe? Nein, das ist es nicht was ich fühle. Er ist ein Fremder für mich, den ich gerade erst einen Tag kenne. Ich habe ihm freigestellt zu gehen, denn ich erinnere mich ja nicht an ihn und ich habe ihn bereits von seinem Eheversprechen entbunden, doch er bleibt sofern ich das möchte. Ich bat ihn zu bleiben. Und ich weiß nicht, ob er aus Ehrgefühl oder Verantwortungsbewusstsein bei mir bleibt oder ob sich der Status Quo wieder mal verschoben hat. Hat er gar Gefühle für mich entwickelt? Das wäre wirklich eine Ironie des Schicksals. Als ich ihn liebte, da tat er es nicht und nun tue ich es nicht und er tut es. Das macht alles nur noch schwerer und komplizierter. Nicht für mich, sondern für ihn. Und er leidet unter der Situation und er hat gelitten als ich ihn fortschickte, denn er sieht nicht gut aus. Er sieht übernächtigt aus und hat sich lange nicht rasiert und er sieht aus, als ob er dem Alkohol recht kräftig zugesprochen hat in der letzten Zeit. Und ich vermute, es wird nicht besser für ihn mit einer Frau an seiner Seite, die sich nicht mal an ihn erinnert. Wird er die Kraft haben das zu überstehen? Er tut mir sehr leid, die ganze Situation tut mir furchtbar leid. Ich wollte ihn in den Arm nehmen und ihm sagen, das alles gut wird, doch wird es das? Ich möchte ihm ja eine gute Frau sein, ich will mich wirklich bemühen, aber kann ich ihn lieben? Ich weiß es nicht, doch ich hoffe es sehr, für ihn, für mich, für uns beide. Ich werde einfach ich sein und ich hoffe das ihm das reicht. Ich werde für ihn lachen und für ihn weinen. Und ich werde auch meinen Pflichten nachkommen, sobald ich mich etwas an ihn gewöhnt habe. Ich denke das wird nicht das Problem sein, ich finde ihn wirklich sehr anziehend. Das Schicksal ist wirklich merkwürdig. Doch ich glaube auch, das das ganze vielleicht einen höheren Sinn hat. Vielleicht haben wir nun einen besseren Start, als wir jemals hatten. Vielleicht hätten wir nie wieder da ansetzen können wo wir mal standen, weil zuviel zwischen uns stand und jetzt bin ich quasi ein leeres Blatt das neu beschrieben werden kann. Vielleicht ist das einfach ein Neuanfang und alles wird besser. Vielleicht ist das die berühmte zweite Chance. Ich hoffe das er die Kraft dazu haben wird. Ich wünsche es mir sehr. Ich wünsche mir für uns ein Happy End, denn ich glaube, wir haben genug gelitten und irgendwann müssen die Sterne auch mal für uns leuchten. Daran glaube ich fest. Und ich hoffe, das er es auch tut.

3.3.09 01:44
 
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